Gramatikalisierung
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Gramatikalisierung

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Was ist Grammatikalisierung?

Grammatikalisierung (von engl. grammatikalization) Lehnwort aus dem Griech. zu grammatike, grammatikos „die Buchstaben betreffend“

Grammatikaliesierung bezeichnet einen Prozess, in dessen Verlauf eine selbstständige lexikalische Einheit allmählich die Funktion einer abhängigen grammatischen Kategorie annimmt. Die Einheit wird grammatisch oder auch „grammatischer“, was bedeutet, dass sie stärker in das System der Sprache eingebunden und von bestimmten Regeln betroffen sein wird, worin sich ihre Abhängigkeit vom Sprachsystem zeigt.

Ein Konzept oder eine Operation, die der Bildung von Ausdrücken nach Regeln, also dem analytischen Zugriff dienstbar gemacht werden, werden grammatikalisiert. Wir hatten an verschiedenen Stellen,gesehen, daß Sprachzeichen mit verschiedenen Freiheitsgraden selektiert und kombiniert werden. Die Einschränkung dieser Freiheit bedeutet die Automatisierung der Selektion und Kombination, ihre Veränkerung im Sprachsystem.

Grammatikalisierung- ist die Überführung eines Zeichens ins grammatische System, also seine Unterwerfung unter grammatische Regeln.

Verschiedene Aspekte der Grammatikalisierung

Die gleichzeitige Auftreten eines sprachlichen Zeichens in verschiedenen Stufen zwischen lexikalischer und gramatischer Funktion stellt den synchronen Aspekt der Grammatikalisierung dar, dem ein diachroner Aspekt hinzugefügt werden kann. Diachroner Aspekt betrifft die Entstehung grammatischer Bedeutung bei einem Zeichen, das zunächst nur lexikalische Bedeutung hatte. Es war dieser historische Aspekt der Grammatikalisierung, der zuerst in der Sprachwissenschaft Beachtung fand und Anlass zur inzwischen berühmten ersten Definition der Grammatikalisierung gab.

Die Entwicklung von haben ist ein gutes Beispiel für den diachronen Apekt der Grammatikalisierung.

die Entwicklung von lex. „haben“ zum Hilfsverb:

Die ursprüngliche Bedeutung von „haben“ war nur lexikalisch, wie im Satz „Sie hat einen Garten“.

In älteren Sprachstufen des Deutschen besass also haben noch nicht so stark grammatikaliesierte Verwendungsweisen, wie es heute der Fall ist, und es gab noch kein Perfekt. Die Konstruktionen, aus denen sich später das Perfekt bzw das Plusquamperfekt entwickelte, sahen z.B.so aus:

„phigboum habeta sun giflanzotan in sinemo wingarten“ (Tatian)

eine neuhochdeutsche Paraphrase wäre:

= „einen Feigenbaum hatte einer als gepflanzten in seinem Weingarten“

Die Form habeta- giflanzotan ist kein Plusquamperfekt, sondern ein Verb und ein als Adjektiv verwendetes Partizip II. Das Hauptverb des Satzes ist habeta mit seiner Vollverbbedeutung ‚ haben, besitzen’. Von ihm ist auch das direkte Objekt phigboum abhängig.

Das lexikalische „haben“ hat sich in diesen Konstruktionen zum Hilfsverb im Plusquamperfekt entwickelt:

„einen Feigenbaum hatte einer in seinem Weingarten gepflanzt“

Das Konzept der Grammatikalisierung eignet sich nicht nur zur Einordnung von synchronen erscheinungen und zur Beschreibung historischer Entwicklungen, sondern auch zu sprachvergeleichenden Untersuchungen. Ein Beispiel zum Vergleich des Englischen mit dem Deutschen: z.B Für englische Ausdrücke:

(1)„am reading the book“

gibt es im Hochdeutschen keine Entsprechung. Man greift zu solchen Umschreibungen wie „Ich lese das Buch gerade;“ man gibt also eine grammatische Kategorie des Englischen im Deutschen mit lexikalisch-syntaktischen Mitteln wieder. In einigen deutschen Dialekten und Soziolekten kann man aber sagen

(2)„ich bin am Lesen“ und auch zunehmend

(3) „ich bin das Buch am lesen“.

Nach dem Vorbild von Konstruktionen wie einerseits ich bin an der Arbeit und andererseits ich bin dabei, zu lesen oder ich bin beim Lesen wird hier die Konstruktion

‘Kopula(sein) + am + Verb Infinitiv’

grammatikalisiert, also Bestandteil der Grammatik. Das gilt gleichzeitig für die von ihr erfüllte Funktion, nämlich den progressiven Aspekt. Die ganze Konstruktion fängt an mit einem lexikalisch-syntaktischen Ausdruck und endet als periphrastische Konstruktion. Die Kopula wird dabei zum Hilfsverb.

Dieses Beispiel , dem man noch sehr viele hinzufügen könnte, zeigt deutlich, wie wichtig es ( auch in der Grammatikalisierungforschung) ist, zwischen der Bedeutungs- oder Inhaltsseite und der Form- oder Ausducksseite der Sprache zu unterscheiden.

Durch Grammatikalisierung werden ständig grammatische Mittel zur Erfüllung von sprachlichen Funktionen geschaffen. Manchmal kommen dadurch neue Funktionen in eine Grammatik, die vorher nicht darin waren. Z.B. hatte das Germanische keine Artikel und folglich die Funktion der Definitheit vs. Indefinitheit nicht in der Grammatik; die heutigen germanischen Sprachen haben beides erworben. Manchmal werden auch bloß alte Funktionen mit neuen Ausdrucksmitteln erneuert. Z.B. wird im Deutschen der Konjunktiv Imperfekt von werden zum Hilfsverb grammatikalisiert, das den Konjunktiv Imperfekt des folgenden infinitivischen Vollverbs ausdrückt; er würde laufen ersetzt er liefe. Etwas funktionell Neuartiges kommt damit aber nicht in die Sprache, denn die periphrastische Bildung ist mit der älteren synthetischen weitgehend synonym.

Wenn ein Zeichen grammatikalisiert wird, wird es
Bestandteil des grammatischen Systems, und das heißt auch, Bestandteil eines grammatischen Paradigmas. So bildet engl. a ein Paradigma mit the, mit dem das Zahlwort noch gar nichts zu tun hatte. In dem Maße, in dem dt. brauchen vom Vollverb (B2.a) zum Modalverb (B2.b) grammatikalisiert wird (mehr), fügt es sich auch in das Paradigma der Modalverben ein. Z.B. nimmt es in der 3.Ps.Sg. kein -t und nimmt den folgenden Infinitiv ohne zu, ganz wie die anderen Modalverben, z.B. müssen.

a.Das braucht/beabsichtigt er nicht zweimal zu sagen.

b.Das brauch/muß er nicht zweimal sagen.

Parameter der Grammatikalisierung

Grammatikalisierung ist die Unterwerfung einer komplexen signifikativen Einheit (einer Konstruktion) unter Regeln der Grammatik. Sie wird dadurch der Freiheit des Sprechers in bezug auf Selektion und Kombination der Einheiten entzogen und stattdessen Beschränkungen unterworfen, ihre Bestandteile verlieren an Autonomie, ihre Bildung wird automatisiert. Der Begriff wird an anderer Stelle eingeführt; die vorliegende Behandlung setzt darauf auf.

Als

Die meisten Schulbeispiele für Grammatikalisierung entstammen aus der lateinisch-romanischen Sprachgeschichte. Z.B. gibt es im Lateinischen die Präpositionen dē “von … herab” und ad “(hin) zu”. Sie werden zu frz. de GEN und à DAT (ebenso ital. di, a, span. de, a, port. de, a usw.). Die lateinischen Präpositionen hatten konkrete lokale Bedeutungen, die romanischen Präpositionen erfüllen ziemlich abstrakte Funktionen in der Markierung grammatischer Relationen, die im Lateinischen durch die Kasus Genitiv und Dativ erfüllt worden waren.

Im Lateinischen gab es diverse Demonstrativpronomina, die auch substantivisch gebraucht werden konnten, wie ille “jener, dér” in B1.a.

B1.

a.

lat.ille venit „der kommt“

b.

span.él viene „er kommt“

c.

it.egli viene „er kommt“

d.

frz.il vient „er kommt“



In den romanischen Sprachen (B1.b-d) wird dieses Demonstrativum zum Personalpronomen grammatikalisiert; das im Lateinischen existiert habende Personale der 3. Ps. wird dadurch verdrängt. Die Beispiele illustrieren nur die Subjektsfunktion; andere Formen desselben lateinischen Pronomens geben die romanischen Klitika in direkter und indirekter Objektsfunktion (frz. le, lui usw.) ab.

Die Beispiele zeigen, daß ein grammatikalisiertes Zeichen weniger frei selektiert und kombiniert wird, d.h. daß es auf der paradigmatischen und syntagmatischen Achse an Autonomie verliert. Dieser Vorgang ist anhand der sechs Parameter operationalisierbar, die in der folgenden Tabelle systematisiert sind:

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